Suomen ulkopolitiikan asiakirja-arkisto ja kronologia
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Verteidigungsministerin Elisabeth Rehn 2.12.1993

LEISTEN WIR UNS DIE VÖLKERWANDERUNG?

Sehr geehrte Zuhörer und Zuhörerinnen!

Über die Entwicklung der Weltbevölkerung lassen sich leicht Prognosen vond er Art des Jüngsten Gerichts erstellen. Die jährliche Zunahme der Weltbevölkerung ist beispielsweise genauso hoch wie die Zahl der Bevölkerung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zusammen. Vonnöten sind aber auch verschiedene Szenarios und Vergleiche. Zumindest denjenigen, die eine Schule der guten alten Zeit absolviert haben, sagt das Wort Völkerwanderung viel. Es erzählt vor allem davon, zu welchen Folgen Völkerbewegungen führen können. Die Wanderungen der West- und Ostgoten, Langobarden, Vandalen und Hunnen in den Jahren 300 - 600 n.Chr. (nach Christi) führten zum Niedergang des weströmischen Reiches und der Entstehung des germanischen Reiches. Wie vielen ist es in den Sinn gekommen, dass eine neue Völkerwanderung die gewohnten Machtstrukturen in Europa umwälzen könnten?

In Finnland, weit weg von den Hauptverkehrsadern Europas, haben wir weitgehend in Frieden vor den den Süden heimsuchenden Flüchtlingswellen leben dürfen. Auf der anderen Hand wissen wir um das Vorhandensein von 200 000 - 300 000 aus Afrika und Asien kommenden illegalen Immigranten in Russland, die nach West-Europa streben. Bei einer Verschärfung der Grenzüberwachung
dort kann sich der Druck gegen Norden wenden. Aber noch ist die Situation friedlich. Nach der letzten Statistik wohnen in Finnland 50 000 Ausländer. Wir haben also weniger Ausländer in Finnland als jährlich hierher in die Schweiz einreisen.

Aber zurück zur Völkerwanderung. Wir behandeln die von einer neuen Völkerwanderung verursachten Probleme selbstverständlich aus unserer eigenen europäischen Perspektive heraus. Falls Europa allen gewillten Emigranten eine Einreise gestatten wurde, könnten wir ihnen in keiner Weise ein von ihnen angestrebtes besseres Leben bieten und würden auch unseren eigenen Lebenstandard
verlieren. Eine Übervölkerung würde auch Europa in Armut stürzen. Hier in Europa gelangen wir nur mit einem Symptom in Berührung. Das aus der Dritten Welt in den Bereich der europäischen Kultur vordringende Problem eines Bevölkerungsdrucks kann man nur dort lösen, wo es erzeugt wird, also in Asien, Afrika und Süd-Amerika.

In bezug auf das Bevölkerungsproblem habe icn durch meine Vorsitzendentätigkeit bei der Unicef und meine ziemlich häufigen Reisen in der Dritten Welt einen gewissen Aspekt erlangt. Gemäss der
Denkensweise der Unicef sind Schulen für Kinder zu bauen, Berufsausbildung und Arbeit für Erwachsene und Werkzeuge für eine Produktion zu organisieren, Möglichkeiten zum Erhalt von sauberem Wasser für Menschen zu schaffen, Gesundheitserziehung für alle und Pflege für Kranke zu gewähren sowie
Anleitung zur Mitwirkung bei einer Beschlussfassung zu organisieren und Frauen Ermutigung zum Management zu geben. Eine besonderes zentrale Stellung in der Unicef-Tätigkeit nimmt die
Familieplanung ein. Dahin gelangt man über Ausbildung von Mädchen. Die gleiche Regel ist sowohl in der Dritten Welt als auch in den reichen westlichen Ländern gültig: Jedes Jahr, das ein Mädchen auf einer Schule oder Universität verbringt, vermindert sie Zahl ihrer Kinder, die sie Später gebären würde.

Irgend jemand kann dieses Programm natürlich als naiv ansehen. Aber ich habe noch niemanden gefunden, der abstreitet, dass die Zielsetzung des Programms nicht richtig wäre. Ausserdem gibt es
aus verschiedenen Teilen der Dritten Welt unwiderlegbare Informationen über den Erfolg dieses Programms. Dies habe ich selbst bestätigen können, als ich in den Länderns der Dritten Welt
in den Jahren herumreiste, in denen ich für die UNICEF und eine andere Entwicklungszusammenarbeit tätig war.

In diesem Zusammenhang passt meiner Ansicht nach die Anführung von Professor Samuel P. Huntington von der Harvard-Universität. Er erörterte im vergangenen Sommer in einem in der
Zeitschrift Foreign-Affairs veröffentlichten Artikel die Möglichkeit einer Kollision zwischen der westlichen und der islamischen Zivilisation. Die Zivilisation der westlichen Welt ist nicht fähig gewesen, den grossen Herausforderungen der Menschheit Genüge zu leisten. Die früher ziemlich weitgehend nach westlicher Art
denkende Elite in der Dritten Welt ist von den europäischen Ideen vom Nationalismus bis hin zum Sozialismus enttäuscht. Die islamischen Länder haben in der Religion einen vereinigenden
Faktor gefunden, der sich zu einem neuen Machtfaktor in der Welt herausbildet.

Eine Kette einheitlicher islamischer Länder kesselt die europäische Zivilisation vom Süden vom Atlantik her bis über den Ural nach Sibirien hinein ein. Neben dem Bevölkerungsdruck sieht
zumindest schon Russland den Islam als militärische Bedrohung aufziehen. Der russische Verteidigungsminister Pavel Gratshov sagte mir bei seinem Besuch vor einigen Monaten in Finnland,
dass die Gefahr für Russland im Süden liege, nicht im Westen.

Als konkretes Beispiel für de empfundene Sorge Russlands gegenüber dem Islam ist der Wunsch Russlands anzusehen, das CFE-Abkommen zu ändern. Dieses Abkommen regelt, wieviel
schweres Kriegsmaterial Russland in den verschiedenen Gebieten haben darf. Russland möchte mehr Waffen in die südlicheren Gebiete des Landes verlegen können, als das CFE-Abkommen
gestattet.

Zum Thema dieses Seminars passt nach meiner Ansicht auch, wie Professor Paul Kennedy, ebenfalls von der Harvard-Universität, das Problem einer Überbevölkerung der Welt in seinem
vorzüglichen Buch "Preparing for the 21th Century" abhandelt. Laut Kennedy verhinderten in England drei Faktoren die Realisierung der Bevölkerungstheorien von Malthus, einem bekannten
Bevölkerungstheoretiker des letzten Jahrhunderts. Diese waren Emigration, industrielle Revolution sowie eine explosionsartige Entwicklung in der Landwirtschaftsproduktion. Eine wahrhaft
bedeutende Emigration verlangsamte das Bevölkerungswachstum; im 19. Jahrhundert wanderten etwa 20 Millionen Menschen aus, hauptsächlich nach Nord-Amerika. Die industrielle Revolution
beschäftigte Millionen und brachte auch in der Landwirtschaftsproduktion
Umwälzungen in Form von neuen Landwirtschaftsmaschinen, Kunstdüngern sowie neuen produktiveren Nutztierrassen und Anbaupflanzen mit sich.

Über die Bedeutung einer Emigration zur Entscheidung von Problemen eines Landes kann ich als Beispiel mein eigenes Heimatland, Finnland, anführen. Traditionell erbte in Finnland der
älteste Sohn den Hof, die anderen Geschwister mussten zusehen, wie sie auskamen. Man sprach von einer Überbevölkerung auf dem Lande. Ein ziemlich beachtlicher Teil dieser Menschen
schloss sich Ende des letzten Jahrhunderts dem aus Europa nach Nord-Amerika gerichteten Emigrantenstrom an. Als noch jüngeres Beispiel kann ich die Zeit vor 30 Jahre anführen. In den 1960-er
Jahren wanderten etwa 300 000 Finnen, nach dem damaligen Stand ungefähr sechs Prozent unserer Gesamtbevölkerung, nach Schweden aus.

Unsere Emigration nach Schweden wie auch die ganze Emigration aus Europa nach Nord-Amerika konnte gelingen, weil das im Interesse beider Seiten lag: Das Ausreiseland wurde mit seinem
Bevölkerungsproblem fertig und das Einreiseland erhielt seine benötigte Arbeitskraft. Das traf auch in Europa zum Beispiel in den 1960-er Jahren bei der aus der Peripherie des alten Kontinents
ausgehenden Umsiedlungswelle zu. Deren Arbeitskraft wurde für einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung gebraucht. Nachdem jetzt in der Tat der Weltbevölkerungsdruck sich auch in
Europa spürbar macht, hat sich die Situation geändert und der Mangel an Arbeitskraft zu einem Überangebot und zur Arbeitslosigkeit gewendet: Europa verfügt über keine Möglichkeiten, hier
Menschen aus den Entwicklungsländern zu beschäftigen, um der Dritten Welt zu helfen.

Der Dritten Welt fehlen laut Kennedy ausser der Emigrationsoption auch noch zwei andere Faktoren, die England im 19. Jahrhundert vor der Bevölkerungsexplosion bewahrten. Eine der technischen
Revolution vergleichbare technische Entwicklung erfolgt in einer entwickelten Welt; auch in der Landwirtschaftsbranche sind keine Faktoren in Sicht, mit denen die Probleme gelöst
werden könnten. Die industrialisierte Welt hat tatsächlich eine der grössten Herausforderungen in der Geschichte der Menscheit vor sich, um auch den Menschen der Dritten Welt ein wenigstens
einigermassen menschenwürdiges Leben gewährleisten zu können.

Doch auch ein Zurechtkommen der industrialisierten Länder mit den Herausforderungen der Bevölkerungsexplosion ist keine Selbstverständlichkeit. Paul Kennedy sagte in seinem Buch nur einigen westlichen Ländern eine helle Zukunft voraus. Nach seiner Ansicht gehören in Asien Japan, Süd-Korea, Taiwan und Hongkong sowie in Europa Deutschland, eventuell die Europäische
Union sowie "einige skandinavische Länder" zu den auf das nächste Jahrhundert vorbereiteten Ländern. Aber auch eine Qualifizierung der Europäischen Union für diese Gruppe hält er nur unter der Voraussetzung möglich, dass die Chefs der Länder bei ihren Integrationsberatungen für die Erörterung von demographischen Welttrends, Emigration und der Bedeutung von neuen Technologien mehr Zeit aufwenden.

Aber was für Lösungen sieht Kennedy zum Problem der Bevölkerungsentwicklung? Laut Kennedy finden sich Lösungen durch die Entwicklung von ausbildung, Verbesserung der Stellung der Frau sowie Rückkehr auf ein echtes politisches Management durch Auswertung von Zahlen aus Umfragen. Es ist aufschlussreich, dass man im Grunde alles, was Kennedy anführt, auch im
UNICEF-Programm finden kann. Persönlich ist es mir leicht, mit Kennedy auch schon wegen meines Amtes gleicher Meinung zu sein, insbesondere was die Stellung der Frau anbetrifft. Als Mini Sterin bin ich nämlich für die Wahrnehmung von Gleichberechtigungsangelegenheiten in Finnland zuständig. Darum glaube ich auch an die Wichtigkeit der Verbesserung der Stellung der Frau in der Dritten Welt. Das ist ein langsam wirkender Weg, zu dem es keine Abkürzung gibt.

Geehrte Zuhörerschaft!

Ich begann meine Erwägungen mit einer Rekapitulation darüber, was Völkerwanderungen im Römischen Reich anrichteten, einem Reich, das man vielleicht mit dem heutigen Europa vergleichen könnte. Rom hatte die Tage seiner Grösse überschritten und seine Kraft befand sich im Abnehmen. Wird für diesen Teil die bekannte Vision von Oswald Spengler, der Untergang des Abendlandes,
Wirklichkeit? Auch dieses Szenario ist möglich, wenn man die Angelegenheit aus geschichtlicher Perspektive betrachtet. Die Europa umgebenden Zivilisationen sind dennoch nicht imstande, Europa mit ihrer Stärke zu bedrohen, sondern der von ihnen ausgehende Bevölkerungsdruck ist eher ein Zeichen ihrer Schwäche. Aber Sprenglers Prophezeiung kann wahr werden, falls die "Bürde das weissen Mannes" nicht mit der Verantwortung getragen wird, die der europäischen Zivilisation in bezug auf die Probleme
der Dritten Welt zukommt.

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